7. Forum Mainzer Medienwirtschaft: Lesen im digitalen Zeitalter: neue Chancen durch das e-book

Das elektronische Buch und seine wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Potenziale waren Thema beim 7. Forum der Initiative Mainzer Medienwirtschaft. Wird das „e-book“ unsere Lesegewohnheiten ändern und wird es künftig noch auf Papier gedruckte Bücher geben? Das war die zentrale Frage, auf die sich das Publikum in der IHK in Mainz die Antwort von Forschern und Verlegern erhoffte.

Der Buchwissenschaftler Professor Dr. Stephan Füssel bescheinigte dem e-book einen wachsenden Marktanteil. So hätten die Deutschen im ersten Halbjahr 2012 rund 4,6 Millionen E-Books gekauft für zusammen 40 Millionen Euro – so viele wie im gesamten Jahr zuvor. Zwar seien die Zuwächse nicht so hoch wie in den USA, weil der extrem gut sortierte deutsche Buchhandel mit seinen kurzen Lieferfristen hohe Kundenzufriedenheit garantiere. Doch der Buchwissenschaftler blickt voraus: „Bis 2015 rechnen wir mit 12 -15 Prozent e-book Verkauf auf dem deutschen Buchmarkt – bei derzeit 2 Prozent Anteil.“

Einen weiteren Beleg für die zunehmende Lektüre von Texten via eReader oder Tablet kennt Füssel aus seinem universitären Alltag. Der Sprecher des Forschungsschwerpunktes Medienkonvergenz an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz weiß, dass bereits 80 Prozent der wissenschaftlichen Literatur digital verfügbar ist.

Dass allerdings immer noch 53 Prozent der Studierenden diese Texte lieber auf Papier ausdruckt, anstatt sie vom Bildschirm zu lesen, berichtet Professor Dr. Matthias Schlesewsky. Weil die Lektüre von e-books vielen Zeitgenossen - frei nach der Boulevard-Schlagzeile „Macht uns die moderne Technik dumm?“ - immer noch als „Lesen zweiter Klasse“ gilt, hat der Neurolinguist an der Johannes Gutenberg-Universität eine Studie zur Lesefähigkeit unterschiedlicher Medien gestartet. Im Experiment wurde die Lesbarkeit gedruckter Seiten mit der Lesbarkeit moderner Displays untersucht. Ein überraschendes Ergebnis: Während 18- bis 30-jährige Probanden die Texte auf Papier, eReader und Tablet gleich schnell erfassen, lesen Probanden jenseits der 60 Jahre die Texte am schnellsten – nicht auf Papier, sondern auf dem Tablet.

Wie die Verschmelzung des Mediums Buch mit dem Internet die Zukunft des Lesens verändert, erforscht der Buchwissenschaftler Dominique Pleimling, M.A. . Ihm zufolge spiegelt die wachsende Zahl entsprechender Internetportale, dass der Wunsch der Leser wächst, sich unabhängig von Zeit und Ort mit anderen Lesern oder den Autoren über die digital gelesenen Texte auszutauschen. Diese neue Art des „social reading“ eröffnet den Verlagen neue Möglichkeiten des Marketing, der Leserbindung oder der Autorenwerbung. Dass digitale Texthändler wie Amazon über ihre eReader Lesegewohnheiten ihrer Kunden registrieren können, wird zwar zu einer neuen Form des Datenhandels führen. Doch Verlage könnten damit neue Buchprojekte auflegen, die gezielt auf die Kundenwünsche zugeschnitten sind.http://www.bpb.de/apuz/145378/social-reading-lesen-im-digitalen-zeitalter?p=all

Davon weit entfernt ist die Mainzer Verlegerin Dr. Annette Nünnerich-Asmus. Sie bezeichnet sich zwar als „glühende Verfechterin des gedruckten Buches“, bewirbt aber ihre Verlag & Media GmbH mit dem Slogan „Ihr Generalunternehmer für Buch und neue Medien!“ Denn der Verlag, der sich auf Archäologie, Kunst und Geschichte spezialisiert, setzt neben dem klassischen Printmedium auch auf die Kombination von Print und neuen Medien – unter anderem in Form des Mediabuches.

Das aktuelle Mediabuch-Projekt erlaubt Besitzern eines Tablets oder eines iPhones eine 3-D-Führung durch die virtuelle Rekonstruktion des mittelalterlichen Mainzer Kaufhauses aus dem 14. Jahrhundert. Mittels QR-Code oder Information On Demand kommt die Verbindung von gedrucktem Buch zum Internet zustande, von wo der Leser virtuell mit gesprochenen Erläuterungen und Musikuntermalung durch ein Bauwerk geführt wird, das seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr existiert. Dass solche elektronischen Ausflüge ins Netz ihren Preis haben, ist Teil des Geschäftsmodells.

STEFAN LINDEN

 

 

Bildergalerie

v.l.n.r.: Viktor Piel (Leitung Weiterbildung IHK für Rheinhessen), Univ.-Prof. Dr. Stephan Füssel (Leiter d. Instituts f. Buchwissenschaften | Sprecher des Forschungsschwerpunktes Medienkonvergenz), Dr. Annette Nünnerich-Asmus (Geschäftsführende Gesellschafterin des Nünnerich Asmus-Verlags), Dominique Pleimling, M.A. (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Inst. f. Buchwissenschaften), Richard Patzke (Hauptgeschäftsführer IHK für Rheinhessen), Franz Ringhoffer (Geschäftsführer GVG der Stadt Mainz mbH und der Wohnbau Mainz), Karin von der Groeben (Geschäftsführerin Initiative Mainzer Medienwirtschaft), Univ.-Prof. Dr. Matthias Schlesewsky (Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft am Department of English and Linguistics der JGU)

 

60 Zuhörer lauschten dem rhetorischen Einstieg in die Marktsituation durch Univ.-Prof. Dr. Stephan Füssel

© IHK Rheinhessen / Stefan Linden
Die Referenten:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Univ.-Prof. Dr. Stephan Füssel ist Inhaber des Gutenberg-Lehrstuhls der Universität Mainz, Leiter des Instituts für Buchwissenschaft und Sprecher des Forschungsschwerpunktes „Medienkonvergenz“ der Johannes Gutenberg-Universität. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur Gutenberg- und Frühdruckforschung, zum Buchhandels- und Verlagswesen und zum Medienumbruch der Gegenwart. Professor Dr. Stephan   Füssel ist unter anderem Herausgeber des „Gutenberg-Jahrbuchs“, der „Mainzer Studien zur Buchwissenschaft“ und der Schriftenreihe „MediaConvergence“. www.buchwissenschaft.uni-mainz.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Univ.-Prof. Dr. Matthias Schlesewsky studierte Chemie, Biologie, Toxikologie und Linguistik in Potsdam und Leipzig. Er schloss 1992 sein Studium mit einem Diplom in Chemie ab und promovierte 1997 in allgemeiner und theoretischer Linguistik zur Verarbeitung syntaktischer Phänomene im Deutschen. Im Jahre 2002 wurde er zum Juniorprofessor für Neurolinguistik am Institut für Germanistische Linguistik der Universität Marburg ernannt. Seit 2008 ist er Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft am Department of English and Linguistics der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Zu seinem Forschungsschwerpunkt „Sprachverstehen und Gehirn“ hat er bisher über 50 internationale Publikationen veröffentlicht. www.linguistik.uni-mainz.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Annette Nünnerich-Asmus studierte Klassische Archäologie, Alte Geschichte, Ur- und Frühgeschichte in Münster und Köln. Sie promovierte in Klassischer Archäologie. Danach war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Redaktion des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Madrid und des Landschaftsverbandes Rheinland in Xanten tätig. Darauf folgten Stationen als Chefredakteurin der Zeitschrift ANTIKE WELT und Geschäftsführerin der Verlage Phillip von Zabern und Wienand in Köln. Dr. Annette Nünnerich-Asmus ist sie nun geschäftsführende Gesellschafterin der Nünnerich-Asmus Verlag & Media GmbH. Sie ist außerdem Autorin zahlreicher Publikationen und Beiträge. www.na-verlag.de

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